Theater für Zuhause

An dieser Stelle haben wir all die Beiträge gesammelt, die während der coronabedingten Schließung von März bis Mitte Mai entstanden sind: stayathome-Videos, musikalische Beiträge, die Ergebnisse unseres Mitmach-Mittwochs, Lektüretipps, phisosophisch-theatrale Betrachtungen und mehr.

Hausmusik
Auch unsere Musiker*innen mussten natürlich zuhause bleiben. Um die vergangenen Wochen ohne Konzerte besser zu überstehen, brachten sie musikalische Beiträge vom Solo bis zur groß besetzten Orchestermusik per Video direkt ins Wohnzimmer.
What remains of the play
Was bleibt vom Drama?
Mit Dramaturg Thomaspeter Goergen durch die Woche
Schauspiel- und Tanztheaterdramaturg Thomaspeter Goergen lädt an dieser Stelle zu persönlichen Exkursionen in die Welt des Theaters und unseres Spielplans ein - Abstecher ins Wochengeschehen und Gedankenexperimente inklusive. Lassen Sie sich mitnehmen!
Staatstheater #stayathome
Um in Kontakt zu bleiben, gab es kleine Video-Botschaften unseres Ensembles von Zuhause aus.

Rahel Weiss

#stayathome Premierenfeier »Medea«
Mitmach-Mittwoch

Wir haben unser Publikum aufgefordert uns eigene Texte, Gedichte, Lieder, Musikstücke oder Ideenskizzen zuzuschicken, die dann durch Ensemblemitglieder und Mitarbeiter*innen des Staatstheaters Kassel zu kleinen Kunstwerken umgesetzt wurden. Immer mittwochs gab es dann eine Auswahl der Ergebnisse auf unserem Facebook-Kanal.

Auch auf unserem Youtube-Kanal können Sie sich die bisher erschienenen Beiträge anschauen. Viel Spaß!
Kinder- und Jugendchor CANTAMUS und TJO
Lektüre für die Krise
Zeit für gute Bücher: Chefdramaturg Michael Volk, hat gefolgt von Petra Schiller, Dramaturgin im Schauspiel, an dieser Stelle für Sie jeden Montag drei Leseempfehlungen veröffentlicht – auch nach nach dem Lockdown sicher eine spannende Lektüre! 



Tipps am Montag, 25. Mai 2020

CHARLOTTE ROCHE | MARTIN KESS-ROCHE // PAARDIOLOGIE

Charlotte Roche kennen die meisten vermutlich noch aus ihrer Zeit als Moderatorin bei VIVA oder als Autorin ihres berühmt-berüchtigten Romans Feuchtgebiete. Von Juni 2019 bis April 2020 stellte sich Roche mit ihrem Ehemann in dem wöchentlichen Podcast Paardiologie, die Frage, wie man es schafft, eine glückliche und lange Beziehung zu führen. Antwort: Indem man redet. Der Podcast ist nun in Buchform erschienen, die Folgen wurden nach Themen wie Liebe nach der Verliebtheit, Sex, Geld, Zuhören, Kinderkriegen- und haben, Lust und Fremdgehen geordnet. Schonungslos ehrlich denken die beiden über heteronormative Beziehungen mit all ihren Freuden und Problemen nach oder anders formuliert: »Man hört zwei Eheleuten zu, die sich dafür zur Verfügung stellen, ihre recht klassischen Probleme (Eifersucht, Schuld, Rollenverteilung) öffentlich zu machen, und versteht: Aha, die haben den gleichen Ärger wie wir, vielleicht sind wir doch nicht das Letzte.« (Zeit.de)


VOLTAIRE | FRIEDRICH DER GROSSE // BRIEFWECHSEL

Am 8. August 1736 wendet sich der 24-jährige Kronprinz Friedrich von Preußen zum ersten Mal an den von ihm seit längerer Zeit verehrten französischen Dichter und Philosophen Voltaire, der im Alter von 42 als Exilant auf Schloss Cirey in Lothringen lebt. Dies ist der Auftakt zu einem »Austausch zweier Geister, die beide darum ringen, das irdische Jammertal zu einem freundlicheren Wohnort zu machen«, ein »Briefwechsel der Superlative«. Der Briefwechsel zwischen ›Apoll‹ und ›Mars‹ erstreckte sich über vier Jahrzehnte endet erst mit dem Tod Voltaires 1778. 245 ausgewählte Briefe – »jeder ein Meisterstück geschliffenen Feinsinns« – dokumentieren den fruchtbaren, kontrovers wie freundschaftlich geführten Dialog der beiden europäischen Aufklärer: »Ich liebe Ihren Freimut; ja, Ihre Kritik hat mich in zwei Zeilen mehr gelehrt, als zwanzig Seiten Lobgesänge es vermöchten.«


A.A. MILNE // PU DER BÄR

»Wenn Christopher Robin vom vielen Reden müde ist, macht er es sich bequem und schläft ein. Nur Pu der Bär, sein allerbester Freund, bleibt noch ein bisschen länger wach auf seinem Stuhl neben dem Kopfkissen, denkt Große Dinge über Gar Nichts, bis er ebenfalls die Augen schließt und ihm auf Zehenspitzen zu seinen Freunden in den Hundtertsechzig-Morgen-Wald folgt.« A. A. Milne schrieb die Geschichten über den honigliebenden Bären mit geringem Verstand (aber dafür mit einem großen Herzen und dennoch wundervoll intelligenten philosophischen Erkenntnissen) einst für seinen kleinen Sohn Christopher Robin. Seit ihrem Erscheinen sind Pu und seine Freunde Ferkel, I-Aah, Tieger, Känga, Klein Ruh, Oile und Kaninchen aber Lieblinge der Kinder in aller Welt.
»Pu ist das Lieblingstier, natürlich, das lässt sich nicht bestreiten, aber Ferkel ist für eine ganze Reihe von Sachen gut, bei denen Pu nicht mithalten kann; weil man Pu nicht mit in die Schule nehmen kann, ohne dass jeder davon erfährt, während Ferkel so klein ist, dass es in jede Tasche passt, wo es dann sehr beruhigend ist, wenn man es dabei hat und nicht ganz sicher ist, ob zwei Mal sieben zwölf oder zweiundzwanzig ist. Manchmal schlüpft es heraus und riskiert einen gründlichen Blick ins Tintenfass und auf diese Weise bekommt es mehr Bildung mit als Pu, aber Pu macht das nichts aus. Manche haben Verstand und manche haben keinen, sagt er und so ist das eben.« – wer Pu schon als Kind geliebt hat, wird das sein Leben lang tun!

Tipps am Montag, 18. Mai 2020

EBERHARD REINECKE // DIE SCHNEEFLOCKE (WEBLOG)

Seit dem 21. April 2020 liegt es nun in schriftlicher Form vor, das Urteil im NSU-Prozess. 3025 Seiten ist es lang. Annette Ramelsberger (Süddeutsche Zeitung) schreibt, es sei für die Überlebenden des NSU »wie ein Déja-vu«. Bereits während der mündlichen Urteilsverkündung am 11. Juli 2018 warteten die Opferangehörigen darauf, dass sich das Gericht wenigstens auch nur mit einem Satz an sie richtet –vergeblich. Das schriftliche Urteil des Oberlandesgerichts München ist für sie ein weiterer Schlag ins Gesicht, sie nennen es »kalt«, »ahistorisch« und eine »Missachtung der Opfer des NSU«. 19 ihrer Anwälte beklagen vor allem, das Gericht habe die Nebenkläger, ihr Leiden und ihren Verlust durch die Morde des Nationalsozialistischen Untergrunds mit keinem einzigen Wort erwähnt. Vor allem die Beschreibung der Mordopfer im Urteil ist für die Anwälte so, als hätten die Richter durch die Augen der Täter gesehen (dass im Urteil weiterhin im Mordfall in Rostock von Yunus Turgut gesprochen wird, obwohl sein Bruder Mehmet getötet wurde, spricht für sich). »›Die Urteilsgründe verschweigen die Realität des NSU mit seinem großen Helfernetzwerk‹, schreiben die Anwälte, ein Persilschein sowohl für die Neonazi-Szene als auch für die Sicherheitsbehörden, denn auch die Rolle des Verfassungsschutzes ist nicht zur Sprache gekommen. Und auch der über sechs Tage vernommene Verfassungsschutz-Mitarbeiter Andreas Temme aus Kassel, der zum Zeitpunkt des Mordes an Halit Yozgat am Tatort in dem kleinen Internet-Café war, wird nicht erwähnt.
Dass das Urteil auch anders hätte aussehen können, zeigt Nebenklagevertreter Eberhard Reinecke auf seinem weblog »die schneeflocke«. Manche noch offenen Fragen mögen für die Revision irrelevant sein, aber die nach der historischen Wahrheit und der weiteren Strafverfolgungen bleiben.
SIGRID NUNEZ // DER FREUND

Als die Ich-Erzählerin, eine zurückgezogen in New York lebende Schriftstellerin, ihren besten Freund durch Suizid verliert, bekommt sie überraschend dessen Hund vererbt. Apollo ist eine riesige Dogge, hätte fast »Dino« geheißen und wiegt 80 Kilo. Ihr Apartment ist eigentlich viel zu klein für ihn und auch einige Leute tadeln sie dafür, dass sie so einen großen Hund hält, denn die gehören nicht in die Stadt. Denken Sie nur an das tägliche Gassigehen: »Flüssig: Wenn ich die Liter sehe, die er ausscheidet, bin ich dankbar, dass er nicht wie die meisten Rüden das Bein hebt; statt einer Radkappe könnte er ein Fenster nass machen«. Und auch in ihrem Mietshaus sind Hunde nicht erlaubt. Aber irgendwie kann sie nicht nein sagen und nimmt Apollo bei sich auf: Eine Frau, die um ihren Freund trauert, ein riesiger Hund – und die berührende Geschichte ihres gemeinsamen Wegs zurück in ihr Leben.


DAVID FOSTER WALLACE // DER SPASS AN DER SACHE

David Foster Wallace gilt als einer der wichtigsten Vertreter der amerikanischen Literatur. Bekannt wurde er durch seinen 1996 veröffentlichten Roman Infinite Jest (vom Time Magazine zu einem der wichtigsten englischsprachigen Romane gekürt, die zwischen 1923 und 2005 geschrieben wurden). Neben seinen Romanen und Erzählungen hat er auch Essays geschrieben, mal im Auftrag von Zeitschriften und Zeitungen, mal für Sammlungen. Die Kreuzfahrt als Vorhölle, das Elend des Fernsehens und die stupide Eleganz des Tennis: David Foster Wallace hat sich in seinen Arbeiten immer wieder mit der Frage auseinander gesetzt, wie viel Wahrheit in einer verkommenen Welt möglich ist – und das auf eine äußerst eloquente und unterhaltsame Art und Weise. Der Herausgeber und Übersetzer Ulrich Blumenbach hat eine Mammutaufgabe auf sich genommen und diese Essays in Der Spaß an der Sache in all ihrer Bandbreite nach Themengebieten geordnet und ermöglicht so, Wallace in all seiner Brillanz und Klugheit aufs Neue zu entdecken – und zu bewundern. Der Spaß an der Sache heißt auch einer der Essays, in dem Wallace sich mit dem Schreibprozess auseinander setzt: »Am Anfang, wenn man zum ersten Mal versucht, Literatur zu schreiben, dreht sich alles nur um den Spaß. Man erwartet nicht, dass das je ein Mensch lesen wird. Man schreibt praktisch nur, um sich einen runterzuholen.«
Ein weiteres Motiv, das sich durch seine Texte zieht, ist das Thema Traurigkeit. Im Alter von 46 Jahren nahm sich der unter schweren Depressionen leidende Schriftsteller das Leben und die Welt hat damit einen vielseitigen Autor mit zahlreichen Interessen verloren.

Tipps am Montag, 4. Mai 2020

ASPHALT

Ende Januar posierte Schauspieler Lars Eidinger mit einer von ihm selbst entworfenen Luxustasche im ALDI-Design (550 Euro das Stück) vor Obdachlosen und wollte der Promo-Aktion so vermutlich die nötige Portion ›Realnessverleihen (»Es geht in meiner Kunst nicht um Moral.«). Als er die Bilder über die sozialen Medien teilte, folgte prompt der zu erwartende (und nötige) Shitstorm. Und eine kreative Retourkutsche des Düsseldorfer Obdachlosenmagazins fifty-fifty: »Lars wohnt nicht auf der Straße« steht auf einer Tasche, die auf Eidinger anspielt, eine Tasche im Design des Konkurrenz-Discounters Lidl. Ganz normale Baumwolle, kein teures Design, kein Leder – entworfen von fifty-fifty. Kostenpunkt: null Euro für obdachlose Menschen, fünf Euro für alle anderen. Der Erlös geht an das Projekt »Housing first«, das obdachlosen Menschen hilft, eine Wohnung zu finden. Nach drei Tagen wurden bereits 700 Taschen verkauft. Auch ich habe mir eine bestellt und bekam die aktuelle fifty-fifty-Ausgabe mitgeschickt. Und ich war bzw. bin von den Artikeln, den Aktionen, über die berichtet wird, und den Interviews wirklich begeistert. Ein örtliches Äquivalent für Kassel gibt es auch: Asphalt, ehemals TagesSatz. Der TagesSatz musste nach 25 Jahren aus finanziellen Gründen eingestellt werden. Asphalt, quasi die »große Schwester« vom TagesSatz sprang ein und ermöglicht so obdachlosen und armen Menschen weiterhin Hilfe zur Selbsthilfe. Wenn Sie also beim nächsten Mal einen Straßenverkäufer sehen, bleiben Sie stehen, unterhalten Sie sich mit ihm und kaufen Sie ein Exemplar des Asphalt, denn auch solche Begegnungen sind seit Corona seltener geworden (und damit auch die Einnahmen der Verkäufer). Sie geben Menschen damit eine Chance und werden darüber hinaus überrascht sein, was Sie in der Zeitung so alles finden – unter anderem sehr gut geschriebene Theaterkritiken!


ASTRID LINDGREN: BILDER IHRES LEBENS

»Astrid weiß, dass ein harter Skinhead im tiefsten Innern ein weicher Junge ist. Deswegen geht sie ganz ohne Angst direkt auf die gefürchtete Gang zu. Zärtlich streichelt sie einem der Jungen über die Wange, droht mit der Faust, packt ihn an den Hosenträgern und sagt barsch: ›Du musst mit den Skinheadereien aufhören.‹« Auf dem dazugehörigen Bild sieht man sie tatsächlich – Astrid Lindgren, graue Haare, Sonnenschutz auf dem Kopf, wie sie einen Jungen Skinhead an den Hosenträgern packt. Und der? Muss unwillkürlich grinsen. Diese und andere wunderbare Anekdoten über diese fantastische Frau, über die es weit mehr zu erzählen gibt als dass sie die Bücher über Pippi Langstrumpf geschrieben hat, finden sich in Astrid Lindgren: Bilder ihres Lebens. Das Buch ist eine Reise durch das Leben der wohl berühmtesten Kinderbuchautorin der Welt und erweist sich als wahres Schatzkästchen. Um nur noch eine meiner Lieblingsstellen darin zu nennen: »Als Bullerbü 1986 neu verfilmt werden soll, sind Olle Hellbom und Tage Danielsson [die viele von Astrid Lindgrens Geschichten erfolgreich ins Medium Film überführt haben, u.a. ihren Michel oder Ronja Räubertochter] bereits verstorben. Bei einer Begegnung mit Svensk Film wendet sich Astrid an Lasse Hallström und sagt: ›Ich habe nicht die Absicht, dich gern zu haben, denn alle Regisseure, die ich mochte sind gestorben.‹ In dem Augenblick geht ein Mann vorbei, der an der russisch-schwedisch-norwegischen Version von Mio, mein Mio mitarbeitet, die Astrid nicht mag. Sie schaut ihm lange nach und sagt: ›Der dagegen, der schwebt nicht in unmittelbarer Lebensgefahr.‹«


TOVE JANSSON: DIE BIOGRAFIE

Und um bei Biografien über starke und interessante Frauen zu bleiben, möchte ich Ihnen noch diese hier über die finnlandschwedischen Autorin Tove Jansson vorstellen. Der Name sagt Ihnen nichts? Aber ihre berühmtesten Geschöpfe, die werden sie kennen: die Mumins. Diese kleinen nilpferdartigen Trollwesen leben im Mumintal in Finnland, ursprünglich erzählte Tove Jansson von ihnen in Comics, Büchern und Bilderbüchern, aber die Geschichten wurden auch zahlreich adaptiert, etwa als Zeichentrickserie. Die Mumin-Bücher erfreuen sich großer Popularität – fragen Sie nur mal in einem finnischen Trödelladen, was der Besitzer für eine niedliche Mumin-Sammeltasse haben möchte. Tove Jansson war aber mehr als nur die Schöpferin der Mumins. Die 1914 geborene Tochter eines Bildhauers stand in ihrer Jugend ihrem Vater Modell (in der Meerjungfrau im Esplanadi-Park in Helsinki können Sie sie erkennen), arbeitete als Grafikerin, Illustratorin und Malerin, schrieb auch Literatur für Erwachsene und liebte Frauen und Männer: »I’ve fallen maly in love with a woman. And it seems to me so absolutely natural and genuine – there’s nothing problematic about it at all. I just feel proud and uncontrollably glad.« Der Schriftsteller Tom Holland sagte übrigens über Winter im Mumintal:
»Nothing in Defoe or Camus evokes quite so brilliantly the sheer strangeness of what we are currently going through.« ...

Tipps am Montag, 4. Mai 2020

SIBYLLE BERG: NERDS RETTEN DIE WELT // GESPPRÄCHE MIT DENEN, DIE ES WISSEN

»Um aus der Geschichte zu lernen, ist es wichtig zu verstehen, welche Geschichten wir uns erzählen.«, sagt die Historikerin Hedwig Richter im Gespräch mit der wunderbaren und großartigen Autorin Sibylle Berg (schauen Sie nur mal auf ihrem Instagram-Account vorbei!). Die »erbarmungsloseste Schriftstellerin deutscher Sprache« interviewt 16 »Nerds« , vom Männlichkeitsforscher über eine Pathologieprofessorin bis hin zum Meeresökologen und stellt ihnen gewichtige Fragen. Was tun gegen den aufkommenden Faschismus? Gegen schmelzende Gletscher?
Dabei fällt mir ein: Haben Sie sich heute schon um die Welt gesorgt?

Wenn sie nach der Lektüre nicht genug von Nerds bekommen können, möchte ich Sie noch auf American Nerd // The Story of My People von Benjamin Nugent hinweisen. Nugent ist der Bruder von Annie Baker, von der Sie im tif bereits die Stücke Im Kino (The Flick) und The Aliens sehen konnten. Die Nerds unter Ihnen können sich dann auch mit dem Stammbaum dieser außergewöhnlichen Familie beschäftigen, da gibt es einiges zu entdecken.

RUTGER BREGMAN: IM GRUNDE GUT // EINE NEUE GESCHICHTE DER MENSCHHEIT

Rutger Bregman hätte Frau Berg wohl mit einem entspannten »nein« geantwortet. Der Historiker (1988 geboren!) zeigt in seinem neuen Buch, dass unsere Vorstellung vom Wesen des Menschen auf falschen Prämissen aufbaut. Anhand von Erkenntnissen aus Psychologie, Ökonomie, Biologie, Geschichte und Archäologie weist er nach, welche Denkfehler den »althergebrachten Modellen« zugrunde liegen: »Unsere Spezies konnte sich gegen andere Arten nicht mit Stärke, Intelligenz und List durchsetzen, sondern vor allem durch Kooperation«. Ein kleiner Lichtblick in Zeiten, in denen sich zwei Menschen um zwei Desinfektionsmittel streiten (kein Witz), anstatt die Flaschen gerecht aufzuteilen, bis beide zu Boden fallen und zerbrechen. Ist es möglich, die Welt und die Menschen, vor allem nach einer Krise, komplett neu und optimistisch zu denken?

STEPHEN KING: THE STAND – DAS LETZTE GEFECHT

Ja, Sie könnten auch Albert Camus’ Die Pest mit 350 Seiten lesen, aber jetzt, da Sie vielleicht die Zeit haben, sollten Sie diese vielleicht nutzen, um sich an die 1712 Seiten von Stephen Kings The Stand – Das letzte Gefecht heranzuwagen. »Stephen Kings postapokalyptischer Klassiker in der ungekürzten, vom Autor restaurierten Monumentalfassung« – Sie sollten ihn nicht nur aufgrund ihrer womöglich neu hinzugewonnenen Kapazität zur Hand nehmen, denn fast nichts könnte beklemmend aktueller sein, obwohl 1975/1988 geschrieben. Die Handlung: Ein tödliches Virus entvölkert Amerika. Und eine Handvoll Überlebende versucht, die Zivilisation zu retten.
Wenn Sie dann immer noch nicht genug von Endzeitstimmung und der »Welt nach dem Ende der Welt« bekommen können, greifen Sie zu dem grandiosen Roman die straße von Cormac McCarthy (trotz Viggo Mortensen bitte nicht schummeln und stattdessen die Verfilmung schauen).
Petra Schiller
Dramaturgie Schauspiel
Seit der Spielzeit 2018-19 ist Petra Schiller Schauspieldramaturgin am Staatstheater Kassel und betreut unter anderem Michael Kohlhaas, Die Opferung von Gorge Mastromas, The Aliens (von Annie Baker, Deutschsprachige Erstaufführung), Der NSU-Prozess. Die Protokolle (hier erarbeitete sie die Fassung gemeinsam mit dem Regisseur Janis Knorr für das Staatstheater Kassel), Tod eines Handlungsreisenden und Aktion Beuys, einen Joseph Beuys-Parcours durch Werk und Wald zu Kassel.
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Tipps am Montag, 27. April 2020

Als Peter Frankopan ein kleiner Junge war, betrachtete er die Weltkarte in seinem Zimmer und fragte sich, wieso denn Europa in der Mitte liegt und alles andere außen herum. Heute ist er einer der profiliertesten jungen Historiker Großbritanniens und hat mit Verve und Genauigkeit ein provozierendes Buch über die Welt geschrieben, dass ihre Geschichte anders erzählt: Licht aus dem Osten. Eine neue Geschichte der Welt. Der üblichen eurozentristischen Sichtweise, die ja letztlich immer eine Perspektive der ‚Sieger‘ abbildet, widerspricht er radikal, indem er den Nahen und Mittleren Osten zum Ausgangspunkt der Weltgeschichte macht. Von Kapitel zu Kapitel erscheinen uns die Dinge in anderem Licht: Die Seidenstraße wird zum Kraftzentrum der frühen Weltwirtschaft – nach dem Reichtum der Perser richten sich die Mächte, Zivilisationen und Horden aus, die sich viel später dann als Europäer bezeichnen und die erst zufällig, nämlich durch den erbeuteten Reichtum der sogenannten Neuen Welt, an Macht und Einfluss gewinnen. Spannend wie ein Krimi ist dieses Buch bestens geeignet unsere historischen Kenntnisse zu ergänzen, zu korrigieren oder, falls diese noch ganz zart und jung sind, zum Wachsen anzuregen.
Der Roman, den ich Ihnen diese Woche ans Herz legen möchte, stammt von Erich Kästner: Fabian. Die Geschichte eines Moralisten, geschrieben 1931, in dem der Germanist und Reklametexter Fabian ohne Ehrgeiz und Ziel durch die Großstadt Berlin irrlichtert, einer Stadt »fiebrig entzündet«, vergnügungssüchtig und in der Vorahnung einer Katastrophe, die dann ja auch kommen wird. Wir lesen ihn heute voller Sehnsucht nach der Verdichtung von sozialem Leben, die zu allen Zeiten den Reiz und die Verheißung der großen Stadt ausmachte – einem Zauber, der uns in unseren Corona-Klausuren zurzeit wohl besonders berührt. Fabian ist aber auch ein Text, der »vor dem Abgrund warnen soll, dem sich Deutschland und Europa näherten«, wie Kästner 1953 im Vorwort zur Neuauflage schrieb. Bedrückend hellsichtig und sprachlich virtuos skizziert Kästner 1931 eine Gesellschaft, die keine Idee von sich selbst mehr hat und so zur leichten Beute der Nazis und ihrer verlogenen Kraftideologie wird.
Corona-Zeit: ich sehe plötzlich überall Menschen joggen, sei es aus Leidenschaft, sei es aus Pflichtgefühl (gut fürs Immunsystem), sei es aus wütendem Trotz (dann lauf ich halt!). Ich laufe selbst seit 25 Jahren (aus Leidenschaft) und lese (so sind wir Dramaturgen) viele Bücher darüber. Das schönste Buch, das über das Laufen je geschrieben wurde, ist kein Ratgeber, kein how to-Bestseller, kein Promibekenntnis: es heißt ganz schmucklos Laufen. Geschichte einer Leidenschaft, und stammt aus der Feder des Ultramarathonläufers und Biologieprofessors Bernd Heinrich. Während der heute Achtzigjährige durch die Wälder seiner Heimat Maine läuft, stellt er Überlegungen an über die Ausdauerleistungen von Zugvögeln, Schwärmern und Gabelböcken … um daraus Rückschlüsse auf die frühen Hominiden zu ziehen. Als Biologe ist der Mensch für ihn eben ein Wesen unter vielen – zumindest, wenn es um Fortbewegung geht. Dieser sympathische und wissenschaftlich informierte Blick auf unsere Mitwesen trug ihn wohl auch selber bei seinen täglichen Läufen und vielfachen Wettkämpfen über den Punkt hinweg, an dem etwas im Inneren schreit: ich kann nicht mehr! Wenn Sie irgendetwas mit Laufen im Sinn haben: lesen!

Tipps am Montag, 20. April 2020

Nach der aktuellen Krise werden sich die politischen Spielräume für uns verengen. Die Logik der ökonomischen Notwendigkeit, das Kalkül des Sparens, wird uns womöglich jahrelang als Grundton und Störfeuer unserer Lebensmöglichkeiten begleiten. Umso wichtiger für demokratisch verfasste Gemeinwesen, auf dem Primat des Politischen zu bestehen. Das erste Buch, das ich Ihnen in diesem Sinne nahelegen möchte ist nicht gerade leichte Kost, aber dennoch lohnend, und das obwohl es nicht neu ist: Hannah Arendt schrieb 1972 Vita activa. Oder Vom tätigen Leben. Sie kritisiert darin die Verkümmerung unserer Lebensentwürfe auf die Bereiche Arbeit und Konsum und besteht darauf, dass wir uns als Gesellschaft den Raum für Politik, für das öffentliche Reden und Denken, offenhalten. Leidenschaftlich argumentiert sie für eine Kultur der politischen Öffentlichkeit, die in der griechischen Antike ihren Ursprung hatte.

Wenn Sie lieber einen Roman wünschen, dann kann ich Ihnen nur raten: Die hellen Tage von Zsuzsa Bánk. Ich beneide Sie, wenn Sie die Lektüre noch vor sich haben! Die Geschichte dreier Kinder in den 60er Jahren in Süddeutschland, zwei Mädchen, ein Junge, die einige frühe Verlusterfahrungen verbinden: ein langsames Schlittern durch die Wirrnisse und den Zauber der Kindheit, die wild, poetisch und viel weniger reglementiert war als heutige Kindheiten je sein können, das Ganze in einer leichten, erfindungsreichen, präzisen Sprache, die die hellen und die dunklen Tage ins Schwirren bringt, sie uns so lebhaft vor Augen führt, dass wir sie riechen und schmecken können, obwohl es doch nicht unsere Kindheiten sind, die die Autorin heraufbeschwört – am besten sofort beim Buchladen Ihres Vertrauens bestellen!
Doch wir wollen uns ja nicht nur um Ihr geistiges Wohlergehen kümmern; nein, das können wir nicht auf uns sitzen lassen. Deshalb zu guter Letzt noch ein Buch, das Ihnen die Zeit ohne Fitnessstudios und Sportvereine versüßen könnte: Paleo Workouts. Das natürliche Bewegungstraining von Bernd Reicheneder, einem der führenden Köpfe bei MovNat – Natural Movement Fitness. Diese Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen durch Üben der natürlichen menschlichen Bewegungen fit, ausdauernd und stark zu machen. Bodenbewegungen, Rollen, Gehen, Balancieren, Laufen, Springen, Klettern, Heben, Tragen – alles, was unsere Urahnen so täglich machten, wenn sie sich in der Steinzeit geschmeidig durch ihr Revier bewegten. Bernd Reicheneder beschreibt, wie Sie diese Art von Fitness erreichen können – von den einfachsten Bewegungen bis hin zu sehr sehr anstrengenden … Wenn das bei Ihnen Resonanz findet, könnten Sie nach der Krise stärker und vitaler sein als zuvor … und nie mehr Fitnessstudios vermissen.
Tipps am Montag, 13. April 2020

Schöne Ostern wünsche ich Ihnen, trotz Kontaktsperren und sonstigen drastischen Einschränkungen – und möchte Ihnen heute ein Kinderbuch, einen Roman und ein Sachbuch empfehlen.
Der geheime Garten, von Frances Hodgson Burnett vor knapp hundert Jahren geschrieben (mit den wunderbaren Illustrationen von Inga Moore – ich lese es gerade meinen Söhnen, 10 und 8 Jahre, vor) erzählt die Geschichte der Verwandlung eines zehnjährigen Mädchens durch die Begegnung mit den Kräften, die der Frühling in den verschiedenen Gärten eines englischen Landsitzes bewirkt. Wegen einer Cholera-Epidemie in ihrer Heimat Indien kam sie zu ihrem Onkel nach Yorkshire, der zurückgezogen und seltsam soziophob in einem Haus mit hundert verschlossenen Zimmern und einem seit zehn Jahren hinter Mauern verschlossenem geheimen Garten lebt. Sie entdeckt die von Efeu verwachsene Tür und mit dem Garten ihr geheimes Königreich. Am Ende scheint es, das sie nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das der bedrückten Bewohner zu neuem Leben erweckt.

Der zu Lebzeiten kaum beachtete amerikanische Literaturprofessor John Williams (Stoner wurde leider erst nach seinem Tod »entdeckt« und ein internationaler Erfolg) erzählt in Butcher’s Crossing die Geschichte eines Aufbruchs. Den jungen Harvard-Student Will Andrews lockt um 1870 das Abenteuer der Wildnis. Er zieht in das kleine Städtchen Butcher’s Crossing in Kansas, ein Ort, der von rastlosen Männern und ‚Pioniergeist‘ wimmelt – mit zwei weiteren Männern zieht er in die Colorado Rockies, wo sie in einem abgelegenen Tal riesige Büffelherden entdecken. Statt Ehrfurcht packt sie aber die Gier und in einer gefährlichen und ausdauernden monatelangen Jagd erlegen sie einige Tausend der Tiere, um die Felle zurück in die Zivilisation zu bringen. Bei der Abreise hätten sie dafür einen hohen Preis erzielt. Williams schildert in lakonischen, packenden Worten die Tragödie menschlicher Gier - und menschlichen Scheiterns. Ein Wildwestroman und eine philosophische Parabel über unser Verhältnis zur Natur gleichermaßen, lässt er uns am Ende atemlos zurück.

Der Meeresforscher und Maler Richard Ellis beginnt mit den Sätzen: »Das Haus brennt, und dieses Buch ist der Feueralarm. Der Brand schwelt schon eine ganze Zeit, nur wollte bis jetzt niemand so recht nachschauen, was da eigentlich passiert.« Der lebendige Ozean. Nachrichten aus der Wasserwelt von 2006 (mit Illustrationen des Autors selbst versehen) schildert mit Liebe und Sachverstand, was sich unter der für uns sichtbaren Oberfläche der Ozeane abspielt, welche Ökosysteme, welche erstaunlichen Lebensformen, welche Wunder. Er schildert aber auch schon 2006, wie der Raubbau durch Überfischung und Zerstörung diese Welt unter Wasser in Bedrängnis bringt. So beträgt die Biomasse an großen Raubfischen nur noch ungefähr zehn Prozent des vorindustriellen Niveaus. Schon in den 90er Jahren pendelte sich die weltweite Fangmenge an Meerestieren auf ca. 90 Millionen Tonnen jährlich ein. Lange hält der Ozean das nicht mehr durch. Nach der Lektüre könnte sich ihr Blick auf die blaue Weite der Meere (wenn wir mal wieder reisen sollten …) grundlegend gewandelt haben.

Tipps am Montag, 6. April 2020

Was tun, wenn der schwarze Hund vorbeikommt? Zwei Männer begegnen sich 1927 auf einer mondänen Party in Malibu. Sie beschließen, einen Strandspaziergang zu machen und kehren erst zurück, als alle Gäste weg sind. Sie reden über ein einziges Thema: den Freitod. Zum Abschied sagte der jüngere der beiden: »Wir wollen einander versprechen, dass, wann immer einer Hilfe benötigt, der andere, wo immer auf der Welt er ist, alles liegen und stehen lässt, und kommt.« In unregelmäßigen Abständen haben sich die beiden in den folgenden Jahren getroffen und ihre »talk walks« fortgesetzt und keinem Menschen sonst davon erzählt. Es waren Charlie Chaplin (der jüngere) und Winston Churchill, zwei große Männer der Weltgeschichte, die sonst wenig Gemeinsamkeiten hatten – außer ihrer Abscheu vor Hitler. Sprachmächtig und sensibel erzählt Michael Köhlmeier in Zwei Herren am Strand diese Geschichte einer trostspendenden Freundschaft.
Zwei andere Werke, die ich Ihnen gerne empfehlen möchte, haben auch mit Krisenmanagement zu tun, allerdings nicht auf der persönlichen Ebene. Das eine beginnt mit der Schilderung eines berühmten Schiffsunglücks: knapp hundert Jahre vor dem Untergang der Titanic lief die französische Fregatte »Medusa« vor der afrikanischen Westküste auf eine Sandbank. Was dann folgte ist ein Lehrbeispiel für katastrophalen Umgang mit Notsituationen: der Kapitän und die Führungsriege des Schiffes machten alle Fehler, die möglich waren - aus Selbstüberschätzung, Verleugnung der Gefahrenlage und blankem Egoismus. Von den 400 Menschen an Bord überlebten fünfzehn. Für den Psychologen und Therapeuten Wolfgang Schmidbauer in Floß der Medusa. Was wir zum Überleben brauchen ist das der Anlass, über »change management« angesichts der unweigerlich auf uns zukommenden Klimakatastrophen nachzudenken: wie können wir uns als Gesellschaft rüsten, um organisatorisch und psychologisch besser vorbereitet zu sein, als die Führung der »Medusa«? Ein aufrüttelndes Leseerlebnis.
Auch das zweite Werk beschäftigt sich mit der Klimakatastrophe. Der französische Philosoph Bruno Latour hat 2017 Das Terrestrische Manifest veröffentlicht, in dem er geradezu unverschämt und provokant verschiedene, scheinbar entfernt liegende Dinge zusammendenkt: die menschengemachten Klimaveränderungen und die wachsende Ungleichheit auf der Welt, in der eine kleine Elite sich zunehmend abkoppelt - und sich damit von der zunehmenden Zerstörung und Ausbeutung der Erde unabhängig macht). Vielleicht hat Trump ja recht, wenn er behauptet, die Klimakrise betreffe uns nicht? Wir hätten dann nur noch nicht verstanden, wen er mit »uns« meinte … Latour unternimmt den Versuch, die geopolitische Landschaft, ja, unsere politischen Leidenschaften, neu zu vermessen und kommt dabei zu erstaunlichen Ergebnissen.



Tipps am Montag, 30. März 2020

Eine der Errungenschaften, die das antike Theaters in die Kulturgeschichte der Menschheit eingebracht hat, ist der Perspektivwechsel. Wann, wenn nicht in ungewöhnlichen Zeiten, sollten wir uns die Welt aus anderer Perspektive, in neuem Licht, besehen? »Liebe Leserinen und Leser«, so beginnt das Büchlein, das ich Ihnen heute nahelegen möchte, »Zuers möchte ich sagen, Enschuldigung für alle Wörter di ich falsch schreibe. Weil ich bin ein Fuks! Und schreibe oder buchstabire deshalb nich perfekk. Aber jezz kommt, wie ich gelernt hab so gut zu schreiben und buchstabiren wie ich es tue!« Es ist ein Brief, an uns Menschen gerichtet, der eine große Frage stellt, eine Frage aus Fuchssicht und doch eine, die sich auch die großen Denker*innen aller Zeiten unter uns Menschen immer gestellt haben: die Frage, wie das Böse, wie wir zu sagen pflegen, in die Welt, kommt – aber, genauer müsste man sagen: in uns Menschen. Der wunderbar versponnene George Saunders hat mit Fuchs 8 einen sprachspielerischen und doch sehr nachdenklich stimmenden kleinen Text verfasst, der in der Tradition der Tierfabeln aber dennoch eine Perspektivverschiebung erreicht: vielleicht sollten wir die Krise nutzen, um eine Phantasie zu entwickeln, wie uns unsere »Mitgeschöpfe« sehen.

Wer dies nicht nur literarisch, sondern – in all der neuen Freiheit, Leere, die manche von uns nun spüren – auch praktisch ausprobieren will, dem sei ein Sachbuch empfohlen, das einige unserer Grundannahmen über das Tierreich in Frage stellt. Wussten Sie z.B., dass ein satter Fuchs beim Durchstreifen seines Reviers bestimmte Grunzlaute von sich gibt, die den Hasen signalisieren: keine Sorge, bin satt? Denn Füchse haben eben ein Interesse an gutgenährten, ausgeruhten Hasen – also kann man doch auch mal kooperieren.
Der Wildnislehrer Tamarack Song teilt dieses Wissen über die Sprache der Tier- und Pflanzenwelt in seinem Buch Learning the Language of wild Animals and Plants.

Und zu guter Letzt, eine weitere Anregung zum Perspektivwechsel: Andreas von Westphalen hat in seinem gut recherchierten Buch Die Wiederentdeckung des Menschen unsere tiefsitzende Überzeugung angeschossen, dass der Mensch ein Wolf sei, dass Egoismus, Konkurrenz und Gier nach materiellen Gütern seine wesentlichen Antriebsfedern seien. Er trägt umfangreiche Studien zusammen, die belegen: Wir sind eine Spezies, die durchaus durch Empathie, Kooperationswillen und das Teilen charakterisiert ist. Nun, ja, sonst wäre ja vermutlich auch das Theater als Medium sinnlos. Vielleicht passt es eben besser ins neoliberale Weltbild, wenn wir uns immer wieder das Gegenteil einreden?


Tipps am Montag, 23. März 2020

»Das ganze Unglück der Menschen entstammt einer einzigen Ursache: nicht ruhig in einem Zimmer bleiben zu können«, schreibt nicht etwa ein Psychologe zur Corona-Krise, sondern Blaise Pascal, ein Theologe und Philosoph im Jahre 1670 in seinen berühmten Gedanken. Mit leidenschaftlichem Ernst und radikalem Scharfsinn analysiert er die Menschen der beginnenden Neuzeit, die kein Heilmittel gegen den Tod wüssten und sich deshalb in äußerliche Zerstreuungen flüchten – Liebe, Streit, Krieg: »So verströmt das ganze Leben. Man sucht die Ruhe, indem man einige Hindernisse bekämpft; und wenn man sie überwunden hat, wird die Ruhe unerträglich durch die Langeweile, die sie erzeugt.« Womöglich könnte uns das in unseren home-offices und selbstgewählten Klausuren trösten. Unsere plötzliche gesellschaftliche Vereinsamung erscheint dann zumindest in einem neuen Licht; ja, wir können durch die Lektüre zu einigen interessanten Gedanken über unsere ganz normale moderne Zerstreuung gelangen.

Ein anderer Text, den ich Ihnen empfehlen möchte, stellt die Frage, wie Menschen oder Gesellschaften ihre Fragilität überwinden können. Die interessante Beobachtung, dass in allen heutigen Sprachen kein Wort für das Gegenteil von »fragil« existiert, lohnt bereits die Lektüre. Denn, Sie irren, das Gegenteil von fragil ist nicht robust! Fragile Systeme werden durch Stressoren schwächer, robuste bleiben unverändert – aber anti-fragile Systeme wachsen unter Stress! Ich rede von Nassim Nicholas Talebs Buch Anti-Fragilität von 2014. Wir sollten aus Krisen lernen – d.h. stärker werden!

Und zum Schluss, das müssen Sie einem Theatermenschen verzeihen: ein Buch über Shakespeare. Nicht neu, aber immer noch und immer wieder wunderbar, schreibt der polnische Regisseur und Theatermann Jan Kott 1965 Shakespeare heute, eine Sammlung von Gedanken zu den Texten des größten Theaterdichters. Er analysiert mit liebendem Blick, wie aufregend modern diese Texte sind, wie weitreichend die Entwürfe von Welt, Mensch und Universum, die Shakespeare in rauer Zärtlichkeit vor ungefähr 420 Jahren geschrieben hat.
Michael Volk
Chefdramaturg
Michael Volk, geboren in Heilbronn, studierte Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Politikwissenschaft in Tübingen, Rom und Hamburg. Nach Hospitanzen und Assistenzen am Landestheater Tübingen und am Thalia Theater Hamburg arbeitete er als Dramaturgieassistent und Dramaturg am Düsseldorfer Schauspielhaus, bevor er im April 2007 als Schauspieldramaturg ans Staatstheater Kassel wechselte. Seit Beginn der Spielzeit 2010-2011 ist er Chefdramaturg des Staatstheaters Kassel und persönlicher Referent des Intendanten.
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Das JUST - Junge Staatstheater Kassel hat ganz viele kreative Ideen in einem Anti-Langeweile-Glas auf seiner Facebook-Seite gesammelt.
Es ist alles dabei: Anleitungen für Bastelaktionen, Buchempfehlungen für Kinder und Jugendliche von JUST-Dramaturgin Julia Hagen, Kinderkonzert-Ausschnitte zum Mitmachen und viele weitere Aktionen!

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