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Heisenberg

Simon Stephens
Deutsch von Barbara Christ
WIEDERAUFNAHME 14. April 2019
Dauer 1 Stunde 40 Minuten

Inhalt
Wenn man ein Teilchen beobachtet, kann man entweder seinen Ort oder seine Geschwindigkeit genau messen. Der jeweils andere Wert verschwimmt. So lässt sich grob die Heisenberg’sche Unschärferelation zusammenfassen, die der deutsche Physiker Werner Heisenberg 1927 im Rahmen der Quantenmechanik formulierte. Dass auch in Beziehungen der forschende oder liebende Blick gelegentlich die scheinbar offensichtlichen Tatsachen übersieht; davon handelt die Geschichte von Alex, einem älteren Metzger, der seine Ruhe liebt, und Georgie, einer um einiges jüngeren Frau, die ihn eines Tages in einem Bahnhofscafé auf den Nacken küsst. Eine Verwechslung? Georgie überrumpelt Alex mit immer neuen Versionen ihrer Biografie. Sie sei Killerin, nein, Kellnerin. Sie sei nie verheiratet gewesen, habe keine Kinder. Ihr fast erwachsener Sohn lebe in Amsterdam. Für den scheuen Alex erscheint sie wie ein Wirbelsturm, gleichzeitig anziehend und gefährlich. Einerseits stört sie seinen akribisch geregelten Alltag, andererseits bemerkt er, dass ihm diese Störung nicht unwillkommen ist: eine Liebesbeziehung, die in ständig überraschenden Wendungen davon erzählt, dass ein Leben in jedem Augenblick eine Abzweigung ermöglicht, dass das Normale mitnichten normal ist, das Verrückte dagegen ganz logisch – kurzum, dass Menschen flirrende Wesen sind und ein Leben einfach nicht zu vermessen ist.

Simon Stephens, einer der bekanntesten britischen Gegenwartsdramatiker, hat mit Heisenberg eine atemberaubende und warmherzige Liebesgeschichte geschrieben, die sein Interesse an Figuren fortsetzt, die nicht zu den gesellschaftlichen Siegern gehören: so charmant und mit leichter Hand, so komisch, hat gewiss noch niemand versucht, die neuere Physik zu erklären.
Besetzung
Inszenierung
Bühne und Kostüme
Sounddesign
Dramaturgie
Licht
Oskar Bosman
Pressestimmen
Frankfurter Rundschau, Judith von Sternburg
Tatsächlich gelingt es, eine vage Intimität herzustellen, eine Balance zwischen Traurigkeit und dem Glück des Augenblicks
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Frankfurter Rundschau 
Tatsächlich gelingt es, eine vage Intimität herzustellen, eine Balance zwischen Traurigkeit und dem Glück des Augenblicks
»[...] Tatsächlich gelingt es, eine vage Intimität herzustellen, eine Balance zwischen Traurigkeit und dem Glück des Augenblicks, Nähe und Fremdheit, auch Künstlichkeit und realistischem Spiel. Das klingt einfach, ist aber schwierig bei einem Text, der – nach Kriterien, die die angelsächsische Welt bekanntlich nicht anwendet – die Nähe zum Boulevardstück nicht scheut, der wirklich witzig ist und noch dazu sentimental werden könnte, wenn Weiser und Wink nicht auch das mit feiner Lakonik und kluger Diskretion immer wieder ins Schweben bringen würden [...]«
Judith von Sternburg
HNA, Bettina Fraschke
[...] dass der von Thomas Bockelmann inszenierte 1:40-Stundenabend zu einem so anrührenden Erlebnis wird, wie man es im Theater selten erlebt.
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HNA 
[...] dass der von Thomas Bockelmann inszenierte 1:40-Stundenabend zu einem so anrührenden Erlebnis wird, wie man es im Theater selten erlebt.
DER MOMENT, IN DEM LIEBE ENTSTEHT

Wie aufgekratzt man sein kann, wenn man nachts in allen Schränken einer fremden Wohnung nach etwas Essbarem sucht. Und wie schnell dann die Stimmung kippen kann, wenn der Rendezvous-Partner parallel gerade in Melancholie versinkt und auf dem Bett zusammengekauert einer Schallplatte mit Bachs Violinsonate in h-Moll lauscht. Die Schauspieler Christina Weiser und Jürgen Wink setzen Glanzlichter im lang beklatschten Stück „Heisenberg“ von Simon Stephens, mit dem am Freitag am Kasseler Schauspielhaus die Theatersaison eröffnet wurde.
Die beiden grandiosen Darsteller statten ihre Figuren, die Grundschulsekretärin Georgie und den Metzger Alex, mit einer solchen Durchlässigkeit aus, dass der von Thomas Bockelmann inszenierte 1:40-Stundenabend zu einem so anrührenden Erlebnis wird, wie man es im Theater selten erlebt.
Grundlage ist die ebenso präzise wie fein gearbeitete Textvorlage, die von nichts mehr, aber eben auch nichts weniger als vom Kennenlernen eines Paares erzählt. Die jenen mal pathetisch großen, mal fast übersehbar winzigen Momenten nachspürt, in denen Liebe entsteht. Wenn man sie denn entstehen lässt, wenn man bereit ist, sich von dieser Magie, diesem Nicht-Erklärbaren überwältigen zu lassen. Das ist, worauf sich der Stücktitel bezieht: Quantenphysiker Werner Heisenberg hatte beschrieben, dass allein die Beobachtung eines Teilchens dieses so verändert, dass ein genaues Beschreiben seiner Eigenschaften nicht möglich ist.
In sechs Bildern begleiten die Zuschauer diese beiden Menschen: Schöngeist Alex, der ebenso gern Tiere zerlegt wie er Tango tanzt, hat sich in der Routine seines einsamen Alltags eigentlich gut eingerichtet und hängt immer noch seiner großen Liebe von vor 50 Jahren nach.
Und die hibbelige Nervensäge Georgie, die ihr Leben im nicht versiegenden Plapperstrom immer wieder neu erfindet. Ich bin Killerin, nein Kellnerin. Nein, das auch nicht. Schneller reden als denken - so kann Georgie manchmal die eigenen Skrupel überwinden. Und unvermittelt fragen, ob Alex Lust hätte, mit ihr zu schlafen. Oder ihr ganz viel Geld zu leihen. Oder mit ihr zu verreisen.Christina Weiser charakterisiert Georgie durch eine spezifische, genau beobachtete Körpersprache. Armerudernd, beim Lachen bekräftigend mit dem Kopf wippend und zur Begrüßung die erhobenen Handflächen so hin- und herdrehend, als wolle sie ins Hallo-Sagen gleich eine ironische Brechung mit hineinlegen. Als kommuniziere sie im Vorpreschen einen möglichen Rückzug gleich mit. Wundervoll.
Jürgen Wink öffnet seine Figur Alex zu großer Intimität. Wie verletzlich er sich zeigt, wie vorsichtig er zu lieben beginnt, ist von beeindruckender Zartheit.Bockelmanns sachte, vertrauensvolle Personenführung korrespondiert mit der subtilen Soundkulisse von Heiko Schnurpel und Jens Kilz und der reduzierten Bühne von Mayke Hegger (auch Kostüme), einem nur von beleuchtbaren Neonstreben eingefassten Raum vorn am Bühnenrand, in den die Protagonisten die wenigen Requisiten für jedes Bild selbst hineinräumen. Das Kraftfeld eines großen Gefühls.
Bettina Fraschke